Sei bloß kein Niceguy

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Es ist eine Frage, die viele Männer umtreibt: Sind „nice guys“ – also die klassischen netten Typen – tatsächlich uninteressant für Frauen? Sexuell unattraktiv, reizlose Langweiler? Oder möchte eine Frau eigentlich schon einen netten Typen, der ihre Wünsche bedingungslos erfüllt, weil sie sich dann sicher und aufgehoben fühlt? Ich erkläre euch heute aus der Perspektive einer Frau, wann wir einen Nice Guy als ungeeignet empfinden.

Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, was das überhaupt ist und ob Frauen tatsächlich die Finger von einem netten Typen lassen.

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Ja, und wie immer, ich spreche natürlich nicht im Namen aller Frauen. Das sind meine subjektiven Gedanken, aber ich kann euch aus zahlreichen Gesprächen, Beobachtungen und auch aus meiner eigenen Erfahrung ein Gesamtbild darstellen – ich versuche es zumindest. Und ich zeige euch dann auch anhand eines ganz konkreten Beispiels aus meiner Welt am Schluss, in welcher Situation ihr definitiv aufhören solltet, ein Nice Guy zu sein.

Es gibt ja auch schon viele Beiträge über die Nice Guys. Ihr habt also einige Argumente vielleicht schon mal gehört. Peter Frahm hat darüber gesprochen und ich habe gerade einen Beitrag von Matthew Hussey gesehen. „Sei kein Nice Guy, du wirst es bereuen.“ Bei Hussey bin ich auf einen interessanten Satz gestoßen. Er erzählt uns zuerst, dass er zum Gentleman erzogen wurde, der immer schaute, dass es den Frauen um ihn herum gut ging. Das habe ihm aber nicht immer viel gebracht im Leben. Er sagt, Männer hätten die zwei Instinkte, für jemanden zu sorgen und zu beschützen. Aber um Dinge zu erreichen, sei es nicht immer gut, seinem Instinkt zu folgen – besonders in einer Beziehung. „In a relationship, following your instincts won’t get you far.“ Investiere nicht in jemanden basierend auf den Gefühlen, die du für die Person hast und wie sehr du sie magst. Investiere basierend auf dem, was die Person in dich investiert.

Ja, und Leute würden das häufig genau andersherum tun und sich proportional zu ihren eigenen Gefühlen einbringen, die sie für die Person haben, und übersehen, dass es ein beidseitiges Investment sein sollte. Sei nicht einfach investiert von dir aus, ohne dass etwas zurückkommt. Und das gilt im Übrigen für beide Seiten.

Das ist jetzt meine persönliche Meinung und ich habe da zwei Punkte:

Erstens: Ganz grundsätzlich nett sein, ja, aber es braucht noch andere Eigenschaften. Ich sehe Nettsein prinzipiell natürlich als Basis überhaupt für eine Partnerschaft – so wie der Teig die Basis für den Kuchen ist. Ohne Teig kein Kuchen. Natürlich ist Nettsein die Grundvoraussetzung. Ich möchte einen netten Mann und ein Mann möchte eine nette Frau. Mit Nettsein ist ja generell gemeint, eine Person zu respektieren, ihr zu zeigen, dass du sie wertschätzt, dass sie wichtig für dich ist, Rückgrat haben, zu ihr stehen, sie unterstützen. Ja, das klingt jetzt nach Floskeln, aber das wollen wir ja alle. Aber damit eine Frau einen Mann wirklich – und auch sexuell – anziehend findet und damit das eine lange und glückliche Beziehung bleibt, reicht Nettsein alleine nicht. Es braucht noch andere besondere Eigenschaften – die Früchte auf dem Kuchen: saure Sahne, Nüsse, Zimt, pikante Gewürze. Matthew nennt es „unique pairing“, ja, und die braucht es, um einzigartig und rar zu sein und damit die Partnerin oder der Partner dich auf keinen Fall verlieren will und du unersetzlich für sie bist. Was hast du außer Nettsein noch zu bieten?

Punkt 2: Nettsein ja, aber die Balance. Und jetzt geht es um den klassischen Nice Guy. Die evolutionsbiologische DNA der Frau lässt uns die Männer ja abscannen, und das geschieht häufig unbewusst. Ist er imstande, für mich und meinen Nachwuchs zu sorgen? Ist er selbstbewusst, stark, souverän? Handelt er Situationen souverän? Kann ich zu ihm hochblicken? Ist dieses männliche Selbstverständnis in ihm vorhanden, auch die männliche Energie? Und diese Eigenschaften hat der typische Nice Guy eher nicht. Denn er macht sich häufig kleiner, während er gleichzeitig die Frau auf einen Sockel stellt und sie idealisiert, bedingungslos alles für sie tut, um ihr zu gefallen. Und ja, wenn man emotional zu sehr gebunden ist, sieht man es manchmal nicht. Oder man sieht es, aber man handelt trotzdem so. Man denkt sich vielleicht: „Wenn ich immer nett bin, dann bleibt sie bei mir“, oder „dann kriege ich ihre Liebe“ oder „dann kriege ich Sex“. Und dann passiert halt schnell mal, dass du ihr Handwerker, ihr Seelsorger, ihr Ja-Sager, ihr Computer-Support, ihr Abfluss-Entstopfer, ihr Hausspinnen-Killer und vielleicht noch ihr Koch bist. Ich weiß nicht, was noch alles.

Lodovico Satana nennt es in seinem Buch „Lob des Sexismus“ die selbstvergessene totale Hingabe. Es sei ein fast unterwürfiges Verhalten. Ja, und er schreibt: „Tatsächlich erreichen sie dadurch, also durch das Nettsein, das Gegenteil. Denn das instinktive Unbewusste der Frau interpretiert diese Handlungen als Zeichen für geringes Selbstwertgefühl, niedrigen Rang und somit schlechte Gene. Es tötet daher die sexuelle Attraktivität des Mannes zuverlässig ab.“

Ja, und das könnte man so beschreiben: Zur männlichen Energie zählt eben auch, dass er sie herausfordert, dass er ihr Widerstand gibt, dass er nicht jedes Verhalten von ihr toleriert. Wenn sie immer bekommt, was sie will, verliert es den Reiz. Verliert es den Reiz, nimmt auch der Respekt ab. Wenn der eine viel mehr investiert, gibt es diese Schieflage. Und wenn du immer all ihren Bedürfnissen nachzukommen versuchst, machst du dich ja auch selbst verletzlich und schwach und wirst auch leicht ausgenutzt.

All das heißt übrigens nicht, dass man zu Frauen arschig sein soll oder kein Gentleman sein soll, nicht liebenswürdig und nicht unterstützend sein soll. Überhaupt nicht. Denn wir wollen das alles. Aber die Balance muss stimmen. Sie verdient all das, wenn sie selbst entsprechend einbringt. Und wenn sie das tut und ihr auf gleicher Augenhöhe seid, kann man auch nicht mehr von einem klassischen Nice Guy sprechen, sondern von einer ausgewogenen Beziehung.

Und jetzt noch etwas ganz Grundsätzliches, unabhängig vom klassischen Nice-Guy-Syndrom: Es ist manchmal nicht ganz einfach, den Moment – also den Tipping Point – zu erkennen, ob in einer bestimmten Situation Nettsein angebracht ist oder man jetzt mal nicht tut, was sie möchte, sondern Widerstand gibt, widerspricht, um den eigenen Einsatz keine Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Frauen sind ja auch völlig unterschiedlich. Also sehe ich darum zwei Punkte: Erkennen, welche Motivation dahinter steckt, wenn sie etwas möchte oder von dir verlangt. Wenn du überlegst oder erkennst, aus welcher Motivation heraus sie etwas möchte, bist du in Kontrolle. Und du siehst ja, wenn sie wirklich deine Hilfe braucht. Denn natürlich muss sie auch wissen, dass sie auf dich zählen kann, dass du für sie da bist. Sie muss ja vertrauen können. Aber die Motivation von Menschen – und wir haben es auch schon zusammen angesprochen – die ist längst nicht immer nur positiv und rühmlich, sondern die kann auch selbstsüchtig sein: Bequemlichkeit, Faulheit, Ausnutzen deines netten Charakters, weil man es kann, Egoismus. Wir kennen es alle.

Und jetzt ein Beispiel aus meiner eigenen Welt: Ich habe mich auch schon dabei ertappt, wie ich Dinge eigentlich selbst lösen könnte, aber die Abkürzung nehmen wollte und den Partner nach Unterstützung gefragt habe. Ja, manchmal ist es einfach bequemer, die Anstrengung nicht selbst auf sich zu nehmen und zu hoffen, dass er es ja dann tut, weil er ja ein netter Mensch ist. Bei mir sind es zum Beispiel Dinge am Computer. Wenn etwas nicht gleich funktioniert, wie ich es gerne hätte, könnte ich jetzt selbst googeln, vor- und nachlesen, recherchieren, wie die anderen das Problem lösen. Oder ich könnte einfach ihn fragen. Das klappt sicher, wenn ich ganz lieb bin und den Hundeblick aufsetze. Ja, und was habe ich dann gemacht? Ich habe einfach mein Problem zu seinem Problem gemacht. Kennt ihr diese Situation? Lasst es mich doch bitte in den Kommentaren wissen und schreibt mir von euren Erfahrungen.

Denn der Punkt ist ja: Er muss es ja auch nachschauen, nachlesen, ausprobieren. Also, er ist Fachmann auf genau diesem Gebiet, was er in den allermeisten Fällen nicht ist. Er weiß damals genauso viel darüber wie ich. Das heißt, er arbeitet dann an meinem Problem und investiert seine Zeit. Ich habe also einfach mein Problem auf ihn abgewälzt. Das ist jetzt nur ein Beispiel und wegen einem Mal ist das ja auch überhaupt nicht nennenswert. Man hilft sich immer gegenseitig aus, das ist völlig logisch. Aber wenn ein solches Verhalten zur Gewohnheit wird, also der eine immer mehr einbringt als der andere und dann auch immer die Erwartung da ist, dass einem geholfen wird, dann – wie Matthew sagt – investierst du wahrscheinlich basierend auf den Gefühlen, die du für die Person hast, und nicht basierend auf dem, was die Person in dich investiert.

Das bringt uns noch zu Punkt zwei: Ein kleiner Tipp. Darum ist es, finde ich, nicht die dümmste Idee, hier und da wieder die Waage anzuschauen, ob die noch ausgeglichen ist. Und völlig egal, was für eine Art der Beziehung es ist, es passt auf alle. Was erhalte ich eigentlich zurück für meine Investition? Gleicht sich das in etwa aus? Das kann man sich von Zeit zu Zeit fragen, wenn man nicht sicher ist, ob das noch stimmt. Nicht missverstehen: Das heißt nicht, dass man immer erwarten soll, etwas zurückzubekommen, weil man mal was Nettes getan hat, sondern einfach so im großen Ganzen – hält sich die Waage?

Ja, und wenn dein Eindruck ist, dass die Waage schief ist zu deinem Ungunsten, was tust du, ohne dass sie dich gleich zum Teufel jagt? Und ich sage euch, das funktioniert wirklich: Du bleibst hart und kannst höflich, aber bestimmt sagen: „Ich weiß es auch nicht, versuche es doch mal alleine.“ Sie wird wahrscheinlich verblüfft sein, besonders wenn sie diese Antwort nicht gewohnt ist von dir. Vielleicht wird sie auch genervt sein und antworten: „Ich habe es schon versucht, es geht nicht.“ Nur stimmt das natürlich nicht immer. Und lasst euch gesagt sein, ich weiß, wovon ich spreche. Manchmal hat sie es einfach nicht hart genug versucht oder gar nicht versucht, weil sie faul ist. Ja, und du erklärst ihr dann einfach ganz sachlich, dass du es genauso wie sie auch nachlesen musst. Also, ihr Problem dann einfach zu deinem zu machen, stimmt für dich nicht. Vielleicht hast du ja ganz grundsätzlich den Eindruck, dass sie viel weniger einbringt in eure Beziehung als du. Es ist wichtig, diese Gefühle anzusprechen, weil oftmals merkt es die Person einfach selbst nicht. Es passiert nicht aus Bösartigkeit oder auch nicht unbedingt, weil man keine Gefühle hat oder die Beziehung öde findet. Man ist einfach oft zu sehr mit sich selbst beschäftigt und mit seinen eigenen Problemen. Man muss auch nicht deswegen alles hinschmeißen. Den anderen auf die empfundene Schieflage sanft hinweisen, ist völlig in Ordnung.

Wie gesagt, Unterstützung ist natürlich auch ein Fundament einer Partnerschaft, aber diese Stütze nicht in allen möglichen Belangen immer zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Das etabliert Respekt und du tust das ja nicht nur für sie oder für die Beziehung, sondern vor allem für dich selbst. Das ist aber wie immer nur meine Meinung. Schreibt mir doch, wie ihr darüber denkt. Habt ihr das Gefühl, ihr seid Nice Guys oder eher nicht? Habt ihr schon schlechte Erfahrungen mit Nettsein gemacht oder eher positive?

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