Es gibt ein Verhalten in der Beziehung, das eine Scheidung mit einer Genauigkeit von über 90 % vorhersagt. Das hat die umfassendste Forschung zu Ehe und Beziehung ergeben. Und eigentlich ist es etwas ganz Kleines.
Neulich habe ich in meinem Beitrag über neun Anzeichen geschrieben, die zeigen, dass eine Beziehung gesund ist und auf einem soliden Fundament steht. Heute schauen wir uns an, welche Faktoren eine Scheidung vorhersagen können. Es gibt nämlich spezifische Anzeichen dafür, und eine sehr bekannte Studie des Gottman-Institutes liefert dazu Erkenntnisse. Es ist die umfassendste Forschung zu Ehe und Beziehungen überhaupt. Ja, und sie hat es ermöglicht, mit über 90 % Genauigkeit – genauer gesagt 94 % – vorherzusagen, welche Paare sich innerhalb von 4 bis 6 Jahren scheiden lassen werden und welche zusammenbleiben.
John Gottman ist ein renommierter Psychologe und Forscher, besonders bekannt für seine Arbeiten zur Vorhersage von Scheidungen und zur Analyse von Beziehungsdynamiken. Er und sein Team führten diese Analyse durch und untersuchten dafür 10.000 Paare in einem Labor über mehrere Tage. Die Paare wurden bei Gesprächen und Interaktionen beobachtet, und verschiedene psychologische Messungen wurden durchgeführt, um ihre Reaktionen genau zu analysieren. Besonders beachtete Gottman vier schädliche Verhaltensmuster, die als die „vier apokalyptischen Reiter“ bekannt sind: Kritik, also den anderen ständig kritisieren; Abwehr, sich verteidigen, anstatt offen zu reden; Verachtung, den anderen herablassend oder spöttisch behandeln; und Mauern, also gar nicht mehr mit dem anderen sprechen.
Außerdem untersuchte er, wie es den Personen körperlich ging, z.B. den Herzschlag, und führte spezielle Interviews, um die Beziehungsgeschichte besser zu verstehen. Natürlich ist mir klar, dass Menschen, die man in einem Labor beobachtet, sich ein bisschen anders verhalten als zu Hause. Aber ich nehme an, dass das berücksichtigt wurde.
Was Gottman herausfand, sind zwei Dinge – zwei Phänomene: Erstens, Verachtung ist einer der stärksten Vorhersagefaktoren für eine Scheidung, besonders wenn dieses Verhalten regelmäßig auftritt. Verachtung äußert sich zum Beispiel darin, dass ein Partner den anderen immer wieder herabsetzt, verspottet oder sarkastisch reagiert. Zweitens, neben diesen negativen Mustern fand Gottman auch heraus, dass das Eingehen auf sogenannte „Bids for Connection“ – also Angebote zur Verbindung – entscheidend für das langfristige Bestehen einer Beziehung ist. Diese Bids sind kleine, alltägliche Dinge bzw. Versuche, eine emotionale Verbindung zum Partner herzustellen. Sie können in Form von Kommentaren oder Gesten geschehen, wie z.B. den Kopf kurz auf die Schulter des anderen zu legen oder Gefühle zu äußern – mit dem Ziel, dass der Partner darauf reagiert.
Wenn ein Partner nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommt und sagt „Ich bin so müde“, kann die Partnerin auf zwei Arten reagieren. Sie könnte sagen: „Was ist passiert? Erzähl davon“, was zeigt, dass sie seine Emotionen wahrnimmt und auf sein Bedürfnis nach Unterstützung oder Zuwendung reagiert. Solche Reaktionen fördern logischerweise Vertrauen und Nähe. Reaktion zwei wäre, dass sie entweder gar nichts sagt oder antwortet: „Ich war auch den ganzen Tag arbeiten, ich könnte jetzt auch jammern“, oder: „Das ist nicht so schlimm, du musst einfach härter arbeiten. Komm schon, alle haben Stress, du musst damit umgehen.“ Wenn diese Art von Abwertung oder Ablehnung regelmäßig vorkommt, führt sie zur Entfremdung und beschädigt das Vertrauen. Der Partner fühlt sich zunehmend unverstanden und allein, und der Graben zwischen den beiden wird immer größer. Genau das, so die Forscher, ist der Nährboden, der langfristig zu Scheidungen führen kann.
Noch ein Beispiel zur Verachtung, weil das der Kernaspekt der Forschung ist und dieses Phänomen in Beziehungen tatsächlich weit verbreitet ist: Ihr seid im Auto, sie sitzt nebenan und sagt: „Oh, schau mal, was für ein schöner Hund!“ Sie sagt etwas Positives. Der Partner könnte herablassend reagieren und etwas wie „Ist doch egal, ob da ein Hund rumläuft“ sagen, vielleicht sogar ein verächtliches Geräusch machen oder mit den Augen rollen. Oder aber er geht darauf ein, schaut kurz hin und sagt: „Ja, hübscher Hund!“ – selbst wenn er den Hund nicht so schön findet, könnte er sagen: „Ist nicht meine Lieblingsrasse, aber er sieht kräftig aus.“ Er reagiert positiv auf ihr Angebot zur Verbindung.
Das ist wichtig zu verstehen, wenn man in einer Beziehung ist: Hinter einer verächtlichen oder herabwürdigenden Reaktion, oder wenn die Person oft genervt und gereizt reagiert, steckt oft viel mehr. Dahinter lauern tiefe, ungelöste Konflikte, und oftmals realisiert die Person ihre verächtliche Entgegnung gar nicht. Es geschieht unbewusst. Dr. Jordan Peterson, der auch über dieses Thema gesprochen hat, nennt es ein „Monster“, weil die negative Reaktion bedeuten kann, dass der Partner über viele ungelöste Probleme in der Beziehung frustriert ist. Diese Probleme haben sich über Jahre hinweg angesammelt und wurden nie richtig besprochen oder gelöst. Deshalb reagiert die Person oft genervt, gereizt oder sogar aggressiv, anstatt auf die kleine Bemerkung einzugehen. Vielleicht deutet sie sogar subtil an, dass sie kein Interesse hat, den Partner glücklich zu machen.
Natürlich können diese genervten und gereizten Reaktionen von beiden Seiten ausgehen, wenn beide über längere Zeit Frust angehäuft haben. Vielleicht kennt ihr das von eurem Partner oder eurer Partnerin und habt ähnliche Erfahrungen gemacht. Schreibt mir in die Kommentare und erzählt von euren Erlebnissen.
Was dann passiert: Die Person, die die verächtliche Reaktion abbekommt, spürt, dass ihr Herzschlag schneller wird, oder sie fühlt sich innerlich plötzlich ganz warm, als würde sie angegriffen – und das ist sie tatsächlich. Laut Gottman tun die Paare, die zusammenbleiben, folgendes: Wenn einer etwas Kleines und Positives aus dem Alltag mit dem anderen teilen will oder etwas Kleines Positives tut, dann trägt der andere keinen riesigen Haufen Groll und Frust mit sich herum und kann darauf positiv reagieren.
Wenn du also manchmal ähnlich fühlst oder diese Erfahrungen in deiner Beziehung gemacht hast und daran arbeiten möchtest, dann solltest du herausfinden, was unter der Oberfläche lauert. Es ist wichtig, früh und offen über diese Probleme zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ich persönlich glaube, dass fast jedes Problem in einer Partnerschaft lösbar ist, wenn man es wirklich will.













