Das ist toxische Männlichkeit, die keine Frau will

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Der Begriff „toxische Männlichkeit“ wird ja häufig inflationär und auch falsch verwendet. Hier haben wir aber etwas, das tatsächlich toxisch ist.

Was mir immer wieder auffällt, ist, dass in den zeitgenössischen Geschlechterdebatten der Begriff „toxische Männlichkeit“ häufig überstrapaziert und auch missverstanden wird. Oft wird er verwendet, um traditionelle maskuline Eigenschaften zu beschreiben, etwa den ausgeprägten Konkurrenzgeist, den teils aggressiven Ehrgeiz oder die stoische Haltung von Männern, die es ihnen manchmal erschwert, ihre Gefühle und ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Leider wird der Begriff „toxische Männlichkeit“ oft für Verhaltensweisen verwendet, die man einfach selbst nicht gut an Männern findet.

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Wie immer ist das alles meine subjektive Meinung. Ich sage nicht, dass ich die Wahrheit für mich gepachtet habe. Gut, und jetzt kommen wir aber in Regionen, wo man fragen kann: „Okay, was wäre dann etwas tatsächlich Toxisches?“ Und das Folgende ist etwas, das toxisch ist, und ich bin sicher, da werdet ihr mir zustimmen. Ich möchte das Thema aufbringen, weil wir nicht ständig über Männer und Frauen sprechen können und dieses Thema kein einziges Mal erwähnen. Es betrifft sehr viele Frauen und schafft sehr großes Leid. Ich möchte es anhand eines aktuellen Falles anschauen, von dem ihr wahrscheinlich gehört habt.

Als Beispiel nehmen wir den aktuellen Fall Pellico in Frankreich. Im Gerichtsprozess sind immer mehr Details ans Licht gekommen – ihr habt wahrscheinlich davon gelesen. Die 72-jährige Giselle Pellico erhielt von ihrem Ex-Mann heimlich Beruhigungsmittel ins Essen gemischt. Danach an der tief schlafenden Frau ließ er auch fremde Männer über neun Jahre hinweg an ihr vergehen. 83 Männer sollen es gewesen sein. Die Taten hat er gefilmt.

Es gibt nun nicht wenige, die dabei pauschal von einem Männerproblem sprechen oder andeuten, dass in jedem Mann ein Monster schlummert, oder die finden, die Welt könnte so schön ohne Männer sein. Und ich muss als Frau ganz ehrlich sagen: Im Kontext dieser schrecklichen Tat kann ich es niemandem verübeln, der pauschal von einem Männerproblem spricht. Der Reflex ist sehr verständlich und nachvollziehbar. Die Behauptung, wir hätten ein Männerproblem, wird ja gerne von Feministinnen durch alle möglichen Abteilungen hindurch wie ein Giftpfeil Richtung Männerwelt abgeschossen. Sie stellt die ganze Gruppe unbekümmert unter Generalverdacht.

Und noch einmal, wie gesagt: Solche Pauschalurteile und Aussagen finde ich nicht hilfreich, denn sie greifen oft zu kurz. Aber hier, im Kontext der sexualisierten Gewalt, ist es nicht unberechtigt. Ja, Männer sind hier das Problem – auch wenn es Individuen sind, die diese Taten verüben. Auch wenn die große Mehrheit Frauen nicht missbraucht, auch wenn die meisten Männer in der Lage sind, ihre Triebe zu kontrollieren und sexuelle Reflexe mit ihrem Verstand auszuhebeln: Wenn über 90 % der Sexualdelikte von Männern begangen werden und die Opfer vor allem Frauen sind, dann ist es insgesamt ein Problem der Gruppe der Männer. Wären es in den meisten Fällen Frauen, die solche Gewaltakte begehen, würde man auch sagen, dass Frauen ein Problem darstellen.

Es ist klar: Das ist ein Extremfall, aber solche Fälle kommen überall vor – auch zu Hause. Für Frauen, die sie erlebt haben, ändert es alles. Es gibt dann ein Leben vorher und eines danach. Stellen wir uns dazu mal umgekehrt eine Frau vor, die ihren Ehemann betäubt oder ihn in den Keller sperrt, um ihn über Jahre hinweg zu vergewaltigen oder von Fremden missbrauchen zu lassen. Das ist etwas, das in der weiblichen sexuellen Biologie kaum verankert ist, obwohl weibliche Sexualität natürlich auch toxische Züge annehmen kann. Sie zeigt sich tendenziell eher durch emotionale Kontrolle und Manipulation als durch extreme Gewaltakte. Nicht, dass psychische Gewalt nicht auch schlimm ist – das ist sie. Und ich bin sicher, einige werden es jetzt auch sofort anmerken. Aber es ist ein anderes Thema, und es ist nicht das Thema von heute. Man sollte auch einmal ein Thema für sich alleine anschauen dürfen.

Die männliche sexuelle Grundlagenprogrammierung funktioniert in der Regel anders als die weibliche. Bei der sexualisierten Aggression von männlichen Tätern geht es häufig darum, Macht und Kontrolle durch körperliche Gewalt auszuüben. Hier spielt auch die Biologie eine Rolle, besonders Hormone, die mit erhöhter Aggressivität und Sexualtrieb zusammenhängen. Aber auch die Sozialisierung von Männern und ihr Umgang mit Impulsen spielen eine Rolle. Viele Sexualstraftäter haben mangelnde Empathie, kaum Impulskontrolle und/oder Persönlichkeitsstörungen. Letzteres trifft laut Gerichtspsychiatern auch auf Pellico zu. Wenn in seinem Fall noch eine Vorliebe für perverse Sexualität hinzukommt, also eine bewusstlose Frau, haben wir eine besonders gefährliche Mischung.

Also sehen wir hier die vielzitierte „toxische Männlichkeit“. Wobei man eigentlich gar nicht „Männlichkeit“ sagen kann, denn mit „männlich“ oder „männlich sein“ hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Diese Situation zeigt vielmehr eine degenerierte Form dessen, was in dem Fall aus männlicher Sexualität geworden ist.

All das bedeutet aber nicht, dass wir grundsätzlich ein kollektives Problem mit Männern haben oder dass traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit per se toxisch sind. Was aber unübersehbar ist, zumindest für mich, ist die ambivalente Rolle von Männern in der Gesellschaft. Habt ihr euch das schon mal überlegt? Männer zeigen in vielen Bereichen eine extreme Variabilität. Sie können die brillantesten und kreativsten Köpfe sein, bedeutende Fortschritte in Wissenschaft, Technologie oder Nahrungsmittelversorgung vorantreiben, ganze Städte aus dem Nichts stampfen und für unsere Sicherheit ihr Leben aufs Spiel setzen. Denn das tun sie. Sie können die größten Stärken entwickeln, die wir als Gesellschaft dringend zum Überleben brauchen. Gleichzeitig können sie aber auch die destruktivsten Kräfte sein, beispielsweise durch Kriminalität, häusliche Gewalt oder Verbrechen.

Und jetzt noch was Interessantes: Zu Letzterem gehört auch deren Bekämpfung. Studien zeigen, dass Männer, besonders wenn sie im Bereich der Justiz und Strafverfolgung tätig sind, tendenziell eine härtere Haltung gegenüber Straftätern einnehmen und höhere Strafen befürworten. Oft sind sie auch skeptisch gegenüber Therapieansätzen und ihrer Wirksamkeit – und zwar aufgrund ihrer Erfahrung, dass viele Täter trotz Therapie rückfällig werden. Ja, Männer sind die Quelle von vielen Problemen und auch von vielen Lösungen.

Ja, und wie immer ist das nur meine bescheidene Meinung. Wie seht ihr das? Stimmt ihr mir zu oder nicht? Ich freue mich auf eine sachliche Diskussion.

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