Mann, Du musst nicht perfekt sein.

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Hier geht es um eine unsichtbare Gefahr, die das Leben eines Mannes komplett auf den Kopf stellen kann, wenn er sich ihrer nicht bewusst ist.

Das Thema ist kaum bekannt. Auch ich wusste bis zu meinen Recherchen nicht, dass es ein ernsthaftes Problem unter Männern ist. Mein Ziel heute ist es, euch zu helfen, das zu verstehen und auch frühzeitig zu erkennen.

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Das Phänomen, über das wir heute sprechen, betrifft nicht nur jüngere Männer. Es ist auch eine Gefahr für Männer in ihren 30ern, 40ern, 50ern oder sogar darüber hinaus. Im zweiten Teil des Videos erkläre ich, warum das Thema für alle Männer relevant sein kann.

Wenn wir an Körperdysmorphie denken, stellen sich die meisten von uns Frauen vor, die in den Spiegel schauen und das Gefühl haben, zu dick oder nicht perfekt genug zu sein. Körperdysmorphie ist eine psychische Störung, bei der Betroffene eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers entwickeln und sich auf vermeintliche Makel konzentrieren, die anderen sehr oft gar nicht auffallen. Dieses Problem wird meistens mit Frauen und ihren Schönheitsidealen in Verbindung gebracht.

Was aber viele nicht wissen – und wie gesagt, ich wusste es auch nicht – auch Männer sind betroffen, allerdings auf eine andere Weise. Während viele Frauen oft das Bedürfnis haben, schlanker zu sein, kämpfen Männer oft mit dem Gefühl, nicht muskulös genug zu sein oder zu dünn zu wirken, selbst wenn sie sehr durchtrainiert sind.

Im Teil 2 geht es dann nicht nur um den Muskeldruck, sondern um das Körperbild generell, das von Männern heute erwartet wird. Dieses Phänomen nennt sich Muskeldysmorphie oder auch Adonis-Komplex. Ich lade euch ganz herzlich ein, eure Erfahrungen oder Gedanken dazu in den Kommentaren zu schreiben und zu teilen, sei es, dass ihr selbst betroffen seid oder vielleicht jemanden kennt. So können wir gemeinsam ein Bewusstsein für dieses Thema schaffen.

Untersuchungen zeigen, dass vor allem Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren besonders anfällig für eine gestörte Körperwahrnehmung sind. In dieser Lebensphase formen sie ihre berufliche und soziale Identität und wollen ihren Auftritt so perfekt wie möglich gestalten. Genau wie bei den Frauen spielt hier auch der Einfluss von Schönheitsidealen eine Rolle, sodass viele in dieser Lebensphase hart daran arbeiten, ein muskulöses und ideales männliches Erscheinungsbild zu erreichen.

Es ist hier wichtig zu betonen: Gesund und fit sein, Sport machen, sich bewegen – das ist natürlich gut und wichtig. Das Problem beginnt dort, wo diese positiven Ziele ins Ungesunde kippen, wenn man ein verzerrtes Selbstbild entwickelt und ständig das Gefühl hat, nicht genug zu sein.

Das männliche Idealbild hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Muskulöse und perfekt definierte Körper sind heute das Bild eines starken Mannes und beeinflussen, wie viele Männer sich selbst wahrnehmen. Besonders soziale Medien spielen eine Rolle dabei, welche Körperideale Männer anstreben. Plattformen wie TikTok sind voll mit Videos von Fitness-Influencern und Hobby-Bodybuildern, die ihre durchtrainierten Körper dort präsentieren. Mit Hashtags wie „Gym goals“ oder „no excuses“ wird suggeriert, dass der ideale Männerkörper muskulös, fettfrei und perfekt proportioniert sein muss.

Viele Männer vergleichen sich dann mit diesen „Übermännern“, die nicht nur beeindruckende Körper haben, sondern auch extrem erfolgreich, charismatisch und diszipliniert sind. Man entwickelt dann das Gefühl, dass man mit diesem Ideal mithalten muss und selbst nicht genug ist.

Die Tatsache, dass diese gezeigte Perfektion oft eine Illusion ist, wird dabei ausgeblendet. Viele dieser gezeigten Körperbilder sind unrealistisch und auch das Ergebnis von kleinen Tricks. Schaut mal: Dieser Fitness-Influencer zum Beispiel zeigt eindrücklich „Social Media versus Realität“ – perfekte Beleuchtung, spezielle Kamerawinkel, die einen größer wirken lassen, dann das Pumpen direkt vor dem Dreh und das Bauch-Einziehen. All das wird genutzt, um das perfekte Bild zu erzeugen.

Neben perfekter Beleuchtung und Bildbearbeitung greifen manche Influencer auch zu fragwürdigen Präparaten oder Steroiden. Viele Zuschauer sehen nur das, was man ihnen zeigt. Natürlich wird ein Influencer nicht zugeben, wenn er Steroide nimmt, und daher erreichen die Zuschauer die gleichen Ergebnisse oft nie. Sie strengen sich an und greifen schließlich vielleicht selbst zu fragwürdigen Mitteln. Selbst wenn Influencer und Hobby-Bodybuilder offen über die Nutzung solcher Mittel sprechen, verschweigen sie häufig die gesundheitlichen Risiken, die damit verbunden sind. Das macht die Situation so gefährlich: Man setzt seine Gesundheit aufs Spiel, während man versucht, diesem unerreichbaren Ideal zu entsprechen.

Der Algorithmus von sozialen Medien verstärkt natürlich die ständige Konfrontation mit solchen Inhalten, indem er ähnliche Videos kontinuierlich in die Feeds von interessierten Nutzern einspielt. Männer, die sich vielleicht nur gelegentlich für Fitness interessieren, werden von dieser konstanten Bilderflut beeinflusst und entwickeln dann das Gefühl, mit diesem maskulinen Ideal mithalten zu müssen.

(Ein weiterer, wenn auch harmloser Trend, der sich unter Männern etabliert hat, ist das Kauen von sogenannten „Jawlinern“ – speziellen, teuren Fitness-Kaugummis, die eine markantere Kieferpartie bewirken sollen.)

Das Problem der muskulären Dysmorphie ist eher etwas, das sich bei den betroffenen Männern nicht nach außen negativ auswirkt. Außenstehende kriegen das meist gar nicht mit. Diese Männer schaden niemandem damit, aber für sie selbst kann es zur stillen Last werden, da es vielen schwerfällt, solche Schwächen einzugestehen, weil es in ihren Augen unmännlich wirkt. Daher neigen sie dazu, ihre Probleme zu ignorieren, ziehen sich vielleicht sozial zurück und geraten dann in einen Teufelskreis aus Selbstkritik und Druck. In dieser Isolation steigt dann die Gefahr, auf Steroide oder andere riskante Nahrungsergänzungsmittel zurückzugreifen, die sie als vermeintliche Lösung ansehen.

Es ist wirklich wichtig, solche Anzeichen nicht zu ignorieren und sich Unterstützung zu suchen, wenn man merkt, dass man irgendwie hineingerät. Es geht hier aber nicht nur um diesen beschriebenen Muskeldruck, sondern auch generell darum, wie erfolgreiche Männer heute auszusehen haben – also Männer in den 30ern, 40ern, 50ern und aufwärts.

Früher konnte ein Mann einen „Ranzen“ haben, wie er wollte – oder wie sagt man das auf Hochdeutsch? Einen dicken Bauch, einen „Speckbauch“. Das war völlig in Ordnung, es war kein Thema. Heute scheint das oft nicht mehr auszureichen. Neben dem beruflichen Erfolg wird auch ein bestimmtes Körperideal erwartet, und viele Männer streben danach, diesem Ideal gerecht zu werden. Besonders jene, die Schwierigkeiten haben, eine Partnerin zu finden, glauben, dass sie, wenn sie so aussehen und sich so präsentieren, die richtige Frau anziehen würden. Aber in vielen Fällen bringt das nicht die erhofften Ergebnisse, und sie fühlen sich dann oft noch unzufriedener.

Studien, die ich bereits auf diesem Kanal vorgestellt habe, zeigen, dass Frauen bei der Partnersuche häufig eine bestimmte Körpergröße bevorzugen. Durch die ständige Präsenz dieser „Übermänner“ auf Social Media entsteht bei vielen Frauen die Vorstellung, wie ein Mann auszusehen hat. Das wiederum führt dazu, dass viele Männer das Gefühl haben, dementsprechend aussehen zu müssen, was sie aber oft nicht schaffen.

Wir müssen immer auch die andere Seite sehen: Auch Frauen haben diesen gewissen Druck; sie hatten ihn schon immer. Von ihnen wurde immer erwartet, dass sie hübsch und schlank sind, was brutal sein und zu vielen Problemen führen kann. Gleichzeitig haben Frauen weniger gesellschaftlichen Druck, beruflich erfolgreich zu sein oder eine Familie zu ernähren. Diese Aufgaben liegen immer noch hauptsächlich in der Verantwortung der Männer. Traditionell wird von Männern erwartet, dass sie erfolgreich sind, Leistung bringen und ihre Familien versorgen. Heute reicht es aber nicht mehr, nur erfolgreich zu sein – sie stehen zusätzlich unter der Erwartung, auch einem bestimmten Erscheinungsbild zu entsprechen. Das ist ein relativ neues Phänomen, das jetzt bei den Männern noch obendrauf kommt.

Wo hat alles angefangen? Bei Arnie Schwarzenegger oder beim Aufkommen von Social Media? Die Wurzeln dieses „Superhelden-Phänomens“ liegen sicher in den Actionfilmen von Stallone und Co. Damals sah man aber nur einen „Rocky“-Film; es gab nicht diese ständige Konfrontation mit perfekten Körpern. Nur die Figur im Film war perfekt.

Heute jedoch gaukelt Social Media den Leuten vor, dass alle so aussehen – außer du.

Bei der besprochenen Muskeldysmorphie kann man sich natürlich fragen, ob die Sorgen unnötig sind und man jungen Männern nicht einfach die Freiheit geben sollte, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, aus denen sie ja auch lernen. Das stimmt sicher teilweise, nur sind sie häufig nicht in der Lage, die Konsequenzen ihrer Entscheidungen abzuschätzen. Außerdem ist die Verletzlichkeit der menschlichen Natur ein zentrales Element des Geschäftsmodells von Plattformen wie TikTok. Daher sollten vor allem Eltern ihren Kindern starke Werte und auch das Selbstbewusstsein vermitteln und sie für diese Scheinwelt der digitalen Medien sensibilisieren.

Zum Abschluss möchte ich sagen: Es ist leicht, sich in einem Idealbild zu verlieren. Wichtig ist, zu erkennen, dass du nicht perfekt sein musst, um wertvoll zu sein. Deine Gesundheit, dein Selbstwert und dein Wohlbefinden sollten nie einem unerreichbaren Ideal geopfert werden. Als Gesellschaft sollten

wir daran arbeiten, ein breiteres Spektrum an Männerbildern zu akzeptieren und uns bewusst sein, wie sehr die Medien uns beeinflussen.

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